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Historischer Hintergrund

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Titelvignette
Protestantische Locarneser fliehen 1555 nach Zürich. Die Flüchtlinge sind nach der Mode des 17. Jahrhunderts, als das Bild entstand, gekleidet. So sahen die Transporte der Hugenotten und Waldenser aus.
Aus: Abenteuer Schweiz, 1976, Seite 1738.
Schon im 16. Jahrhundert, zur Zeit der Hugenottenkriege, flohen viele Protestanten aus Frankreich, teilweise auch in die Eidgenossenschaft. 1685 gewährte der französische König Heinrich IV. im Edikt von Nantes den Protestanten (Hugenotten) religiöse Toleranz und beendete damit die Hugenottenkriege. Unter der Herrschaft seines Enkels, Ludwigs XIV., spitzte sich die Lage der Protestanten aber wieder zu und viele verliessen das Land. 1685 schliesslich widerrief Ludwig XIV., das Edikt von Nantes im Edikt von Fontainebleau. Protestantische Gottesdienste und Schulen wurden verboten, protestantische Kirchen zerstört und ihre Pfarrer gezwungen, zum Katholizismus zu konvertieren oder das Land zu verlassen. Die Protestanten aber durften das Land nicht verlassen. Rund 150'000 (nach anderen Schätzungen 200'000) Hugenotten verliessen daraufhin Frankreich (Grand Réfuge). Schätzungsweise 60'000 von ihnen durchquerten die Schweiz in Richtung Württemberg, Hessen und Brandenburg, den Niederlanden, England und Übersee. Erst das Toleranzedikt Ludwigs XVI. von 1787 setzte der Verfolgung ein Ende, und die Verfassung von 1791 garantierte endlich die Glaubensfreiheit. Zu den hugenottischen Flüchtlingen stiessen 1687, auf dem Höhepunkt des Zustroms, mehrere Tausend Waldenser aus dem Piemont. (Die zeitgenössischen deutschen Begriffe für die Glaubensflüchtlinge war Exulanten, Refugianten, Refugierte, Vertriebene.)
Die reformierten Orte zeigten sich zwar solidarisch mit den «vertriebenen Glaubensgenossen», waren aber auf einen solchen Ansturm nicht vorbereitetet. Sie einigten sich auf einen Verteilschlüssel, nach dem Bern 32%, Zürich 23%, Basel 14,5%, Schaffhausen 13%, St. Gallen 7%, Appenzell Ausserrhoden 3,5%, Biel und Mülhausen je 2% aufnehmen sollten. Dazu schufen sie eigene Institutionen, z.B. Exulantenkammern. Gemeinden und Private wurden aufgefordert oder gezwungen, sich mit Unterkunft und Verpflegung an der Versorgung der Flüchtlinge zu beteiligen. Bern beherbergte zeitweise zwischen 6000 und 8000 Flüchtlinge; Schaffhausen sogar bis zu 9000. In den Dörfern und Städten entlang der Transitachsen verdoppelten, verdreifachten oder verzehnfachten die Hugenotten zeitweise die Wohnbevölkerung.
Aus verschiedenen Gründen, v.a. um katholischen Orte nicht zu brüskieren und Frankreich zu beschwichtigen, verzichtete man aber auf die Ansiedlung von Hugenotten und Waldensern. Dennoch liessen sich rund 20'000 Hugenotten dauerhaft in der Schweiz nieder. Sie wurden nicht nur aus den offiziell angeführten religiösen, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen aufgenommen: Hugenottische Manufakturbetriebe entsprachen merkantilistischen Zielvorstellungen und beschäftigten zahlreiche Arbeiter, was der Obrigkeit im Kampf gegen die Armut gelegen kam. Viele Refugianten siedelten sich im noch wenig industrialisierten Kanton Bern an. (nach: Historisches Lexikon der Schweiz)
Bern spielte bei der Versorgung und dem Weitertransport der Hugenotten eine wichtige Rolle, führte doch der allergrösste Teil Wegstrecke – vom Genfersee (Coppet VD) bis Brugg – durch bernisches Gebiet. Die bernische Obrigkeit verteilte die Flüchtlinge zur vorübergehenden Aufnahme auf die Ämter, die Landvögte auf die Gemeinden, die Gemeindevorsteher und Pfarrer auf die Familien. Aus dem Amt Aarberg liegen uns dazu einige aufschlussreiche Dokumente vor.

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